21. April 2015

«Schockbilder sind ein Mittel zur Dokumentation»

René Lüchinger ist Chefredaktor des BLICK und weiss um die Bedeutung von Pressefotos. Anlässlich des Swiss Press Photo 15 sprach er mit uns über den heutigen Fotojournalismus und über gute und schlechte Bilder.

Was ist guter Fotojournalismus? Guter Fotojournalismus hat drei Qualitätsmerkmale: Das richtige Bild muss zum richtigen Thema den richtigen Moment einfangen.
Und er kreiert Ikonenbilder. «Nacktes rennendes Mädchen in Vietnam» – bei diesen Worten haben Sie sofort ein Bild im Kopf. Genau das ist guter Fotojournalismus.

Wozu brauchen wir Pressefotos? Wir brauchen Fotos um zu informieren, um Nachrichten mitzuteilen, um Wissen weiterzugeben. Wir brauchen sie aber auch, um Momente und Erinnerungen festzuhalten und dadurch werden Pressefotos zum historischen Dokument. Man denke zum Beispiel an das berühmte Zitat aus Kennedys Rede von 1963 «Ich bin ein Berliner!». Damit wurde Geschichte geschrieben und mit dem Foto dazu wurde die Geschichte festgehalten.

Und welche Merkmale hat ein herausragendes Pressfoto? Das ist schwierig zu beantworten, denn ein Kriegsfoto muss sicherlich andere Merkmale aufweisen als das Portrait des Käsers aus dem Appenzell. Grundsätzlich kann man aber sagen, das Bild muss zum Thema passen und sollte den Betrachter emotional ansprechen.

Welche Bilder sprechen denn Sie emotional an? Ich persönlich bin ein Anhänger der Schwarz-Weiss-Fotografie. Je bunter die Welt wird, desto stärker wirkt ein Schwarz-Weiss-Bild.

Begleiten und illustrieren Bilder einen Text oder begleiten Texte doch eher die Fotos? Wie sehen Sie das? Es gibt natürlich beides. Es kann durchaus vorkommen, dass ein einziges, herausragendes Bild bereits die ganze Geschichte zu erzählen vermag. Umgekehrt kann ein passendes Bild auch einen gut recherchierten und geschriebenen Text begleiten. Es gibt also beide Wege, in beiden Fällen aber gilt: Text und Bild müssen sich ergänzen und zusammenpassen.

Gibt es ein Tabu für ein Motiv? Fotos, die Sie beim BLICK als nicht zeigbar einstufen? Wir zeigen keine unstatthaft manipulierten Bilder. Ausserdem werden Sie niemals Fotos von Toten oder extrem blutige Bilder im BLICK sehen. Wir mögen unseren Lesern sicherlich mehr zumuten, als dies andere Medien tun. Wir sehen Bilder aber als ein wichtiges Mittel zur Dokumentation, auch wenn sie teilweise schockieren können.

Das berühmte Kuss-Foto von Robert Doisneau war gestellt und entstand im Rahmen einer Auftragsarbeit. In welcher besonderen Verantwortung im Hinblick auf die Authentizität und Objektivität von Fotografie stehen die Fotojournalisten beim BLICK? Ich verstehe Doisneaus Foto als Sinnbild für Liebe oder eben für Paris, die Stadt der Liebe. Und hierfür spielt es für mich keine Rolle, wer diese Personen sind, ob das Bild gestellt war oder eben im Rahmen eines Auftrags entstand. Boulevardjournalismus inszeniert, und so auch der BLICK. Also dürfen auch die Fotos inszeniert sein.

Angesichts der schier unbegrenzten Möglichkeiten der Bildbearbeitung stellt sich die Frage, wie viel Bearbeitung im Fotojournalismus erlaubt sein kann. Gibt es Ansätze einer nachvollziehbaren Regelung oder brauchen wir gar das vollkommen unbearbeitete Bild, um die Authentizität und Objektivität von Fotografie zu gewährleisten? Dies ist eine heikle Diskussion, und ich bin mir bewusst, dass es durchaus Zeitschriften gibt, bei denen Bearbeitung grundsätzlich verpönt ist. Ich bin jedoch der Meinung, dass beispielsweise besondere Bildkompositionen und –ausschnitte, so wie wir sie beim BLICK täglich machen, vielmehr eine Ausdrucksform als eine Manipulation darstellen. Natürlich gibt es auch hier Grenzen, und Bilder dürfen nicht unstatthaft verfälscht werden.

Vor zwanzig Jahren gab es wohl auch beim BLICK noch deutlich mehr fest angestellte Fotografen, heute werden die meisten Bilder bei Bildagenturen eingekauft. Aus Ihrer Sicht eine bedauerliche Entwicklung? Tatsächlich haben wir heute nur noch zwei fest angestellte Fotografen. Dies bedeutet aber nicht, dass wir weniger Fotografen beschäftigen! So haben wir ein Netzwerk von selbstständigen Fotografen, die verschiedene Auftragsarbeiten ausführen.

Mit der Digitalisierung kam der Druck von Real Time und damit das Dilemma einerseits digitale News wie auch Fotos sofort weiter zu verarbeiten, diese andererseits aber auch auf Ihre Richtigkeit zu überprüfen. Wie wird dies konkret im Fotojournalismus gehandhabt? Man muss klar Checks machen, natürlich kann man aber nicht überall nachrecherchieren. Deswegen sind unsere Bildredaktoren so wichtig. Sie handeln weit über 100 Bilder täglich und verfügen deshalb über ausgesprochen viel Erfahrung im Beurteilen von Bildern.

Über die sozialen Medien werden Millionen von Fotos öffentlich zugänglich. Eine Drittnutzung wird immer öfter eingeklagt. Wie halten Sie es beim BLICK mit den Urheberrechten? Wir erhalten viele ungerechtfertigte, zum Teil aber auch gerechtfertigte Forderungen. Bei Letzteren verfahren wir selbstverständlich sehr kulant.